Die Liebe, die Liebe, ein einfaches Wort

Bei in Keilschrift auf eine Tontafel geritzten Zeilen, deren Entstehung  man auf das 3.Jahrtausend v. Chr. schätzt, handelt es sich um ein sumerisches Liebesgedicht, das an den König UR III gerichtet ist.
Wahrscheinlich ist dieses das älteste Liebesgedicht der Welt.
Wie ähnliche um diese Zeit entstandene Liebeslyrik waren es die Frauen, die auf diese Art ihre Liebe bekundeten.
Erst später waren es dann die Männer, die zwar vorwiegend von ihren Kämpfen und Siegen in Gedichtform berichteten, dann aber zunehmend auch Liebeslyrik schufen.
Sappho, der 600 v. Chr. auf Lesbos lebte, zählte zu den größten Dichtern der Antike und schrieb einige wunderbare Liebesgedichte.
Walther von der Vogelweide, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des Mittelalters ist vorwiegend durch seine Minnelieder bekannt geworden. Eine besondere Form seiner Gedichte ist die hohe Minne. Dabei beschreibt er die unerfüllte Liebe des Ritters zu der höher gestellten Dame.

Die Liebe kann in völlig unterschiedlichen Perspektiven erscheinen und doch geht es immer nur um das Eine:
die Liebe
Irgendwann sollte doch auch dieses Thema  erschöpft sein…
So könnte man meinen.
Der Märchenerzähler, Theaterschreiber und vor allem der Lyriker Heinrich Genady Dick beweist uns in seiner Sammlung mit dem Titel
„Die Liebe, die Liebe, ein einfaches Wort“ in 46 Gedichten genau das Gegenteil.
Durch seine nahezu pantheistische Form der Liebe bezieht er den gesamten Kosmos in den Liebesbegriff mit ein: die Sonne, die Blumen,  Wolken, den Himmel und darin fliegen als Symbol der Liebe zwei wilde Gänse.

Die Stille fließt

Die Sonne scheint, die Wolken ziehen
In unbekanntes Land.
Die Luft ist rein, zwei Gänse fliegen
Zum grauen Himmelsrand.
Die Stille fließt wie eine Quelle
Durchs Herz zur Wiese hin,
Wo der Frühlingsblumen bunte Welle
Sie bringt zu den Wolken hin.
Die weiter, weiter, weiter ziehen
In unbekanntes Land.
Wo auch zwei wilde Gänse fliegen
Zum grauen Himmelsrand.

Dick beschreibt die Jahreszeiten mit ihren irgendwie ebenfalls mit der Liebe verflochtenen Bildern: bunte Farben, immer wieder Blumen, kaum eine Farbe ist so sehr Ausdruck der Liebe, wie das Rot:

In deinem Garten blühen rosa Tulpen

In deinem Garten blühen rosa Tulpen.
Der Frühling blüht in meiner müden Seele.
Die runde Sonne- ein gelber Kuchen-
ruht sich aus im Himmelsteller.
Und eine große Welle
Umspült mich.
Die Liebe ist wie eine rosa Welle.
Sie blüht wie die rosa Tulpen.

In deinem Garten wachsen rote Rosen
und sie begeistern meine lahme Seele.
Ich suche deine Blicke wie Almosen-
Nur deine Blicke, Liebste,
nur deine zarten Blicke.
Die Liebe!-
Die Liebe ist wie eine rote Welle-
sie blüht wie die roten Rosen.

In deinem Garten blühen weiße Nelken.
Ich schenke dir ein Lied, und meine Seele
hat Kraft, jetzt kann ich wieder leben, siegen
für dich und für die Liebe!
Die Liebe!-
Die Liebe ist wie eine weiße Welle-
Sie blüht wie die weißen Nelken.

Robert Gernhardt, der Vertreter der komischen Lyrik der Neuen Frankfurter Schule sieht in der klassischen Vers-Form mit klarem Reim und Rhythmus die Gefahr, dass die Gedichte ins Kalauerige abgleiten könnten.
Dick beweist mit seinen Gedichten, dass es keinesfalls so sein muss . Ob es nun der Kreuz-oder der Paarreim ist, an einer Stelle sogar das Mittel des Enjambementes, seine Gedichte umfassen die Liebe in ihrer Gesamtheit, wie nur wenige andere Dichter es können, sie bleiben dabei ernst und bewegen den Leser.
Die Liebe, ein einfaches Wort, das Dick  mit so vielen wunderbaren Worten erfasst.
Es gibt kaum eine schönere Auto-Antonyme.

Volker Maaßen

Volker Maaßen  wurde 1943 in Breslau geboren.  Er studierte Psychologie und Medizin in Kiel und Heidelberg. Über 40 Jahre war er als Frauenarzt und Pathologe in Hannover, Berlin, München und Hamburg tätig.
In seiner Berliner Zeit ( 1974-1986) hatte er Kontakt zu Juri Becker, Manfred Krug und Robert Gernhardt. Vor allem von Gernhardt wurde er in den Stil der komischen Lyrik der „Frankfurter Schule“ Eingeführt.
Er schrieb fünf Bücher mit lustigen Kurzgeschichten und fünf Bände mit lustigen, satirischen, aber auch philosophischen Gedichten.
Viele seiner Kurzgeschichten und Gedichte wurden in zahlreichen Anthologien veröffentlicht.